Du nutzt den Weg zum Freudenhaus, um Juliana anzurufen. Du erzählst ihr von Rocco und seinem Geständnis. Am anderen Ende der Leitung herrscht einen Moment lang Stille, dann antwortet Juliana. Ihre Stimme klingt müde, aber gefasst.
Juliana Thorn: „Ich wollte eigentlich nichts zu meinem Alibi sagen. Nicht, weil ich etwas verbergen wollte, sondern weil… manche Dinge nicht öffentlich gehören. Aber dann … dann hat er es selbst gesagt. Ja. Wir waren zusammen im LernWerk. Wir haben geredet. Lange. Er hatte Angst, sich selbst zu verlieren. Ich habe die Sicherheitsanlage ausgeschaltet, weil ich dachte, wir gehen gleich wieder. Ich habe nicht daran gedacht, was das ermöglichen könnte. Ich habe diesen Brief nicht platziert. Und Rocco auch nicht. Es tut mir so leid, wenn durch meine Unachtsamkeit jemand anderes eine Gelegenheit bekommen hat.“

Du legst auf und bist schon am Freudenhaus angekommen. Im Freudenhaus ist es ruhig. Hinter der Theke steht Taya Sommer. Sie erkennt dich sofort.

Taya Sommer: „Du bist nicht zum Feiern hier. Ich habe gehört, du stellst viele Fragen, und irgendwann landet man dann auch bei mir. Es geht um gestern, oder? Um den Stromausfall, um Thomas. Thomas war hier. Ganz sicher. Als das Licht ausging, war das hier Chaos. Technik spinnt, Leute panisch, andere lachen, weil sie es für Show halten. Für manche ist so ein Moment Freiheit, für andere Stress. Thomas gehört zur zweiten Sorte. Er kam direkt zu mir ins Büro und sagte: ‚Ich brauche kurz Ruhe.‘ Keine Dramaturgie, kein Auftritt. Einfach ein Mensch, der kurz Luft holen musste. Wir saßen da, haben geredet, über Belangloses, über Lampenfieber, über diesen Druck, immer sichtbar sein zu müssen. Man denkt immer, Drag heißt automatisch laut, mutig, unerschütterlich. Aber das stimmt nicht. Gerade die, die auf der Bühne strahlen, brauchen manchmal einen Raum, in dem sie nichts darstellen müssen. Thomas war keine Sekunde allein, nicht während des Ausfalls, nicht danach. Wenn jemand behauptet, er sei verschwunden, dann hat diese Person entweder nicht genau hingeschaut oder wollte etwas sehen, das ins eigene Bild passt. Weißt du, was mich daran ärgert? Wie schnell Leute anfangen zu kombinieren, wenn es um queere Menschen geht. Dann wird aus Nähe gleich Verdacht, aus Präsenz gleich Schuld. Hier passieren jeden Abend hundert Dinge gleichzeitig, und am Ende erinnert sich jede Person an etwas anderes. Aber ich erinnere mich sehr genau an gestern. Thomas, Licht aus, Büro, Gespräche, Ende. Wenn du mich fragst – derjenige, den du suchst, war nicht hier, sondern irgendwo, wo niemand hingesehen hat oder wo man ihm nicht zugetraut hat, hinzusehen. Mehr kann ich dir nicht sagen. Aber das reicht ja vielleicht.“
Plötzlich betritt Hauptkommissar Elias Waldstein den Raum. Er sieht dich ernst an, aber nicht streng.

Kommissar Waldstein: „Gut, dass du da bist,“ beginnt er. „Ich nehme an, du hast bereits einiges gesammelt. Es ist der Moment, an dem sich alle Puzzleteile zusammenfügen sollten – zumindest theoretisch. Also, ich frage dich direkt: Weißt du schon, wer den Drohbrief platziert hat? Alles, was du bisher gesammelt hast, kann dir jetzt helfen, eine Entscheidung zu treffen. Du kennst die Personen, ihre Motive, die Verbindungen, die Spannungen. Du hast gesehen, wer wann wo war, wer möglicherweise gelogen oder etwas verschwiegen hat, wer plausibel abgelenkt war. Jetzt liegt es an dir. Du musst kombinieren, abwägen und entscheiden, wer tatsächlich den Drohbrief platziert hat. Sei ehrlich zu dir selbst und denke an alles, was du herausgefunden hast.
Er nickt dir zu, als würde er sagen: „Nun liegt die Verantwortung bei dir.“
„Wenn du dich entschieden hast, teile mir deinen Verdacht mit. Dann werden wir herausfinden, ob deine Schlussfolgerung stimmt.“

