Zwischen hohen Regalen, gedämpftem Licht und dem leisen Rascheln von Buchseiten steht eine Frau an einem der Arbeitstische. Neben ihr liegt ein Notizbuch, aufgeschlagen, mit dicht beschriebenen Seiten. Als du dich näherst, hebt sie den Blick, mustert dich kurz und lächelt wissend.

Saskia Heimer: „Du bist also die Person, die gerade durch die Stadt läuft und mehr Fragen stellt als Antworten bekommt.
Keine Sorge. Ich kenne dich nicht persönlich. Aber Journalisten wissen oft mehr als andere. Wir hören zu, wir beobachten und wir haben Quellen. Nicht alle davon nennt man beim Namen.
Ich war gestern Abend im Freudenhaus. Bei der Probe von Thomas Hansen. Offiziell. Unauffällig. Ich wollte eigentlich nur einen Eindruck bekommen. Proben sagen oft mehr als Auftritte. Es war chaotisch. Viele Leute, viel Bewegung. Und dann… zwischen 19:53 Uhr und 20:24 Uhr: Stromausfall. Komplett. In dieser Zeit habe ich Thomas nicht gesehen. Das heißt nicht, dass er nicht da war. Aber es heißt auch nicht, dass er es war. Ich arbeite nicht mit Gewissheiten, ich arbeite mit Lücken.“
Saskia greift nach ihrem Handy, wischt kurz darüber und zeigt dir ein Foto.
„Ich mache bei fast allem Fotos. Angewohnheit. Die Zeitstempel helfen mir, Abläufe zu rekonstruieren. Aber selbst darauf verlasse ich mich nicht mehr blind. Bilder lassen sich manipulieren. Zeiten lassen sich ändern. Wahrheiten lassen sich inszenieren. Gerade queere Themen sind davon besonders betroffen. In manchen Medien werden sie sichtbar gemacht – differenziert, respektvoll. In anderen werden sie verzerrt, vereinfacht oder bewusst provokant dargestellt, weil sich Empörung besser verkauft als Einordnung. Hier stehen Bücher, die Jahrzehnte gebraucht haben, um überhaupt geschrieben zu werden. Und draußen reichen ein paar Schlagzeilen oder Social-Media-Posts, um Bilder in den Köpfen zu erzeugen, die sich kaum noch korrigieren lassen. Sichtbarkeit ist wichtig. Aber sie ist nie neutral. Sie kann schützen oder sie kann zur Angriffsfläche werden. Und manchmal entscheidet nicht der Inhalt, sondern die Art, wie darüber gesprochen wird. Gerade in einer Stadt, in der jeder jeden kennt und jeder eine Geschichte erzählt.
Ich weiß, dass Thomas oft in der Nähe früherer queerfeindlicher Aktionen gesehen wurde. Das fällt auf. Aber auffällig sein heißt nicht automatisch schuldig sein. Und genau das macht solche Fälle gefährlich. Wenn ihr mich fragt: Im Moment passt hier vieles, aber nichts greift richtig ineinander. Und das ist meist der Punkt, an dem man genauer hinsehen muss. Mehr habe ich für dich im Moment nicht. Aber behalte eines im Kopf: Wahrheit ist selten laut. Meist sitzt sie still zwischen zwei widersprüchlichen Aussagen.“
Kaum hast du die Bibliothek verlassen, klingelt dein Handy.
Johanna Lüders: „Hi. Jo hier. Ich habe Neuigkeiten zu Sven Krehl. Ich habe mit Yasin El-Aziz, dem Fotografen aus Köln, gesprochen. Das Fotoshooting, auf das Sven sich berufen hat, wurde frühzeitig beendet. Schon gegen 18:30 Uhr. Wir haben auch die Fahrtzeit geprüft. Köln–Bocholt: je nach Verkehr etwa eine Stunde fünfundvierzig bis zwei Stunden. Das heißt: Rein zeitlich hätte Sven es schaffen können, zum Tatzeitpunkt in Bocholt zu sein. Noch kein Beweis. Aber ein weiteres Alibi, das Risse bekommt.“

Das Gespräch endet.
Zurück bleibt das Gefühl, dass Beobachtungen trügen können, dass Dokumente und Fotos nicht immer halten, was sie versprechen und dass die Wahrheit irgendwo zwischen Fakten, Wahrnehmung und persönlichen Motiven liegt.
Die nächste Spur wartet.
Du entscheidest dich, wieder Richtung Innenstadt zu laufen. Doch bist du dir noch nicht sicher, welcher Ort dein Ziel sein soll. Während du vor dem Eingang der Stadtbibliothek stehst, überlegst du noch etwas und schaust dich dabei in der Umgebung um.
Welche Farbe ist richtig?
Hintergrundinformation- Repräsentation in den Medien
Saskia erwähnt queere Wahrnehmung in Medien.
Wenn du mehr über die Repräsentation in Medien wissen möchtest, findest du hier mehr Infos:




